• Eröffnungsrede zum Jahresseminar 2026 in Miesbach von Thomas Bluth

    Liebe aktive und ehemalige Schülerinnen und Schüler, liebe Gäste und Freunde der Yogaschule Mandiram,

    Unser Thema in diesem Jahr lautet Veränderung. Kaum ein Wort beschreibt unsere Zeit besser. Die Welt verändert sich in einer Geschwindigkeit, die viele von uns manchmal kaum noch erfassen können. Technologische Entwicklungen, gesellschaftliche Umbrüche, Klimawandel, politische Spannungen, Veränderungen in der Arbeitswelt und in unserem persönlichen Leben – alles scheint in Bewegung zu sein.

    Manche Veränderungen begrüßen wir. Andere machen uns Angst. Wieder andere kommen, ohne dass wir sie gewählt hätten.

    Wenn wir die großen spirituellen Schriften Indiens lesen, fällt auf, dass Veränderung nicht als Problem gesehen wird. Sie wird als grundlegendes Gesetz des Lebens verstanden.

    Die Bhagavad Gita beginnt in einer Situation tiefgreifender Veränderung. Arjuna steht auf dem Schlachtfeld. Seine bisherige Welt bricht zusammen. Alles, woran er geglaubt hat, wird infrage gestellt. Er möchte fliehen. Er möchte, dass alles so bleibt, wie es war.

    Doch Krishna macht ihm deutlich: Das Leben lässt sich nicht anhalten. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, Veränderung zu verhindern, sondern ihr mit Weisheit zu begegnen.

    Krishna erinnert Arjuna daran, dass alles Vergängliche dem Wandel unterliegt. Körper verändern sich. Beziehungen verändern sich. Gesellschaften verändern sich. Kulturen entstehen und vergehen.

    Doch hinter allem Wandel steht etwas, das unveränderlich ist: das Ātman, unser wahres Selbst.

    In einem der bekanntesten Verse heißt es sinngemäß:
    "Waffen können es nicht verletzen, Feuer kann es nicht verbrennen, Wasser kann es nicht benetzen und Wind kann es nicht austrocknen."

    Die Botschaft ist tief: Was wir in Wahrheit sind, bleibt unberührt von den Veränderungen des Lebens.

    Auch die Upanishaden führen uns immer wieder zu dieser Erkenntnis. Sie stellen die Frage: Wer bin ich wirklich?

    • Bin ich mein Körper, der älter wird?
    • Bin ich meine Gedanken, die sich ständig ändern?
    • Bin ich meine Gefühle, die kommen und gehen?
    • Oder gibt es in mir einen stillen Zeugen, der all diese Veränderungen beobachtet?

    Auch Patañjali beschreibt im Yoga Sutras den Menschen als häufig mit den Bewegungen des Geistes. Gedanken, Erinnerungen, Wünsche und Ängste wechseln ständig. Leiden entsteht, wenn wir glauben, diese wechselnden Zustände seien unsere eigentliche Identität.

    Yoga bedeutet deshalb nicht, die Welt anzuhalten. Yoga bedeutet, den Ort in uns zu entdecken, der auch dann ruhig bleibt, wenn sich alles verändert.

    Ein weiterer Gedanke findet sich im Verständnis der drei GunasSattva, Rajas und Tamas. Die gesamte Natur befindet sich in einem ständigen Wechselspiel dieser Kräfte. Mal dominiert Aktivität, mal Ruhe, mal Trägheit. Auch unsere Gesellschaft spiegelt diese Dynamik wider.

    Wir erleben heute viel Rajas: Geschwindigkeit, Innovation, ständige Erreichbarkeit, Wachstum und Beschleunigung. Gleichzeitig zeigt sich Tamas in Orientierungslosigkeit, Erschöpfung oder Resignation. Die Yogatradition lädt uns ein, Sattva zu kultivieren – Klarheit, Ausgeglichenheit, Mitgefühl und innere Ruhe.

    Interessant ist auch der Gedanke des Dharma. Dharma bedeutet weit mehr als Pflicht. Es beschreibt die Ordnung des Lebens und den eigenen Platz darin.

    Veränderung verlangt nicht, dass wir unsere Werte aufgeben. Im Gegenteil: Gerade in Zeiten des Wandels brauchen wir ein tiefes Bewusstsein für unser Dharma. Nicht alles Neue ist automatisch gut. Und nicht alles Alte muss bewahrt werden. Weisheit besteht darin, zu erkennen, was dem Leben dient.

    Auch die indische Vorstellung der vier Yugas, der großen Weltzeitalter, erinnert daran, dass Gesellschaften Zyklen durchlaufen. Zeiten des Friedens wechseln sich mit Zeiten der Unruhe ab. Aus spiritueller Sicht ist dies kein Grund zur Verzweiflung, sondern eine Einladung, Verantwortung für das eigene Bewusstsein zu übernehmen. Denn auch wenn wir den Lauf der Welt nicht vollständig beeinflussen können, können wir entscheiden, wie wir ihr begegnen.

    Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft aller Yogaschriften:

    • Die Welt wird sich weiter verändern.
    • Unser Körper wird sich verändern.
    • Unsere Lebensumstände werden sich verändern.
    • Aber wir können lernen, inmitten dieses Wandels einen inneren Mittelpunkt zu finden.
    • Dieser Mittelpunkt ist nicht Gleichgültigkeit.
    • Er ist lebendige Präsenz.
    • Er ist Vertrauen.
    • Er ist das Bewusstsein, dass hinter allem Werden und Vergehen etwas Ewiges gegenwärtig ist.

    Ich wünsche uns allen ein inspirierendes, friedvolles und erfüllendes Seminar

    Namasté.